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Nörgels Stories
"Nörgels Stories": In dieser Kolumne erzählt in unregelmäßigen Abständen der Kollege Nörgel einen Schwank aus seinem Leben.
Nörgel geht durch die Hölle
Es begann an einem milden Winterabend im Februar. Ich las Zeitung im Wohnzimmer und trank ein Bier. Plötzlich hörte ich einen spitzen Schrei. Er kam aus dem Schlafzimmer und war von meiner Freundin ausgestoßen worden. Ich eilte zu ihr.
ffice ffice" />
Da stand meine Freundin, sie trug einen Slip und ein buntes Etwas als Oberteil, eine Bluse, die wohl eigentlich wallen sollte. Tatsächlich schnitt sie ihr beinahe die Luft ab. Fragend, mit weinerlichem Blick sah sie mich an.
Oh nein! Wie ich diese Blicke kenne und hasse. Aber ich war Irene in die Falle gegangen, ich konnte nicht mehr zurück. Der Gang ins Schlafzimmer war der Fehler. Und den nächsten drohte ich sogleich zu begehen.
„Was ist?“ fragte ich sie.
„Wie findst’n das?“
Fieberhaft suchte ich nach einer diplomatischen Antwort. „Jaaa…“
„Was: ‚jaaa’?“ äffte sie mich nach und griff nach einer Bluejeans, die auf dem Bett lag.
„Sieht gut aus, Schatz“, beeilte ich mich und wollte den geordneten Rückzug antreten.
„Hiergeblieben“, schnaufte sie. Sie kriegte die Hose nicht zu. Knopf und Knopfloch waren viel zu weit voneinander entfernt. Sie legte sich auf das Bett und zog den Bauch ein, hielt den Atem an und nestelte am Hosenbund herum. Mit hochrotem Gesicht gelang es ihr endlich, den Knopf zu schließen und den Reißverschluß hochzuziehen. Etwas steif, als hätte sie einen Hexenschuß, erhob sie sich vom Bett und stellte sich vor mich.
„Na“, sagte sie triumphierend, „was sagst du?“
Ihr Slip zeichnete sich deutlich ab und ich fragte mich, wie sie überhaupt atmen konnte. Doch ich antwortete: „Schön“ und kapierte immer noch nicht, was sie meinte.
„Das hab ich vor fünfzehn Jahren getragen und es paßt noch.“ Irene atmete mit befriedigtem Blick in den Spiegel tief aus und wandte sich wieder mir zu.
Ein fataler Fehler. Das tiefe Ausatmen sprengte den Hosenknopf. Ich stand vor der Glastür und machte einen beherzten Sprung zur Seite. Der Knopf knallte gegen die Glastür, die klirrte.
„Scheiße“, rief Irene, warf sich auf das Bett und heulte.
„Ach Mensch, Irene“, versuchte ich sie zu trösten. „Das ist doch nur eine blöde, alte Hose. Du kannst dir doch eine neue kaufen.“
Darum ginge es gar nicht, jammerte sie. Sie sei einfach zu fett geworden. Neulich hätte sie eine Schulfreundin getroffen, die sei immer noch so schlank wie früher. Außerdem wolle sie diese Klamotten auf dem Klassentreffen im April tragen.
„Irene, Schatz, das merkt doch keiner, wenn du dir eine neue Jeans kaufst. Die sind doch jetzt wieder modern…“
Sie schluchzte noch lauter. „Ich bin fett geworden…“
„Quatsch“, beeilte ich mich zu antworten, „du hast eine tolle Figur. Du gefällst mir so wie du bist. So bist du genau richtig.“
Uff, gerade noch die Kurve gekriegt. Das wirkte. Und ich hatte nicht mal gelogen - Irene und fett, so ein Blödsinn! Sie hörte auf zu weinen und wischte sich die Tränen weg. Bis April seien es noch ein paar Wochen, bis zum Klassentreffen würden ihr die Klamotten wieder passen, erklärte sie trotzig. So kannte ich meine Freundin, ahnte aber, daß die Unterhaltung schwerwiegende Folgen haben würde.
Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Als ich mir am nächsten Abend ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen wollte, war da keines, obwohl ich einen Tag zuvor noch fünf Flaschen hinein gestellt hatte. Stattdessen standen da bunte Blechdosen herum.
„Wo ist mein Bier?“ fragte ich Irene. Sie saß im Wohnzimmer vor einem Stapel Illustrierte. „Kartoffeldiät – 10 Pfund in 2 Tagen“, las ich die Schlagzeilen auf den Titelblättern. „Eierdiät – 5kg weniger in 8 Tagen“, „Ananas – wie Sie in 2 Wochen 30 Pfund abnehmen“.
„Ich mache Diät, Schatz“, flötete sie lächelnd, „da mußt auch du Opfer bringen. Unterstütz mich ein bißchen!“
Na bravo! „Auch kein Diätbier?“ wagte ich einen verzweifelten und erfolglosen Versuch. Irene schüttelte lächelnd den Kopf.
Drei Abende gab es Salat. Grünen Salat mit Paprika, Tomaten und Gurken, Tomatensalat und Feldsalat mit Speck. Das heißt, ich dachte, es sei Speck. Tatsächlich war es Tofu. Die Ernährungsumstellung machte mir schwer zu schaffen. Ich träumte von Rührei mit Speck und Bratkartoffeln oder Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen – dabei war ich hellwach. Meinem Verdauungstrakt gefiel das gar nicht. In meinen Gedärmen rumorte es und ständig knurrte mir der Magen. Ich dachte nur noch ans Essen und ein kühles Bier.
Am zweiten Abend gelang mir die Flucht: „Schatz, ich hab keine Zigaretten mehr. Ich geh mal schnell zu Kurt…“
Kurt ist der Wirt der Kneipe an der Ecke. Dort zischte ich erst mal ein Pils und verschlang gierig eine Bockwurst. Kurt, dem ich von Irenes neuen Methoden erzählte, schenkte mir einen mitleidigen Blick und ein paar TicTac, „damit sie nicht mißtrauisch wird. Dem Heinze aus'm dritten Stock geht's übrigens genauso, seine Frau macht jedes Jahr so ein Theater.“ Na, da stand mir ja was bevor.
Auch am dritten Abend war ich bei Kurt, der mir eine Currywurst mit Fritten rüberschob. Irene hatte ich gesagt, ich ginge joggen. Mehr als ein, zwei Bier konnte ich aber nicht trinken, sonst hätte sie es gemerkt.
Am vierten Tag hatte Irene ihren Weiberabend und ich war allein. Aber Kurt hatte die Kneipe geschlossen, ein Todesfall in der Familie. Und im heimischen Kühlschrank war nur ein Bund Möhren, ein Becher Kräuterquark und eine dieser bunten Dosen. Ich nahm mir die Dose. „Eiweißdrink“ las ich da, „zur besonderen Ernährung im Rahmen eines Diätplanes… Geschmacksrichtung Schoko.“
Das klang lecker und so öffnete ich die Dose. Der erste Schluck war nicht schlecht. Schokoladig, süß und cremig. Nach ein paar Schlucken hatte ich jedoch einen salzigen Geschmack im Mund und meine Zunge fühlte sich taub an. Bah, weg damit, dachte ich und warf die Dose in den Mülleimer. Hunger hatte ich aber immer noch. Und so wusch ich die Möhren und knabberte sie mit dem Kräuterquark.
Irene kam viel früher als sonst nach Hause, ich war gerade mit dem Abspülen fertig geworden: „Hallo Liebling, ich hab vielleicht einen Hunger! Die Mädels haben sich Pizza bestellt und mir was vorgekaut – schrecklich...“
Pizza! Auf die Idee hätte ich auch kommen können!
„… jetzt brauch ich meinen Drink. Und was hast Du gegessen?“ plapperte sie, gab mir einen Kuß und ging zum Kühlschrank.
Oh Gott, sie wird doch nicht die bunte Dose meinen…
„Ah!“ Irenes spitzer Schrei gellte mir in den Ohren. „Wo ist mein Drink?“
„Schatz… ich hatte Hunger…“, begann ich.
„Du hast meinen Drink getrunken?“ Ungläubig starrte sie mich an.
„Ja“, stotterte ich, „du hast gesagt, ich soll dich unterstützen…“
„Ah, aber doch nicht so! Du Idiot!“
„Es schmeckte nicht besonders, irgendwie salzig und hungrig war ich danach auch noch…“
„Ahhh“, schrie sie und ich fürchtete um ihren Verstand. „Den ganzen Tag habe ich mich von einer Tomate und einem Salatblatt ernährt, ertrage meine pizzafressenden Freundinnen, die sich einen Prosecco nach dem anderen reinziehen und Pralinen wie Brot verputzen, während ich Wasser saufe…“
Eine Sprache hatte die Frau plötzlich am Leibe, so kannte ich sie gar nicht!
„…dann kommt man nach Hause, freut sich auf seinen Drink, da säuft der Kerl einem das Zeug weg. Na, egal, ich hab ja noch meine Möhrchen und den Quark…“
„Ähm, Schatz…“
„Ahhh! Mistkerl! Wo zur Hölle sind die Möhren und der Quaaark? - Keiner nimmt Rücksicht, frißt der mir noch das bißchen weg, das ich essen darf...“ Sie knallte die Tür zum Schlafzimmer zu und ich verbrachte die Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Wenn diese dusselige Diät noch länger dauert, bin ich bald wieder Single, dachte ich, ehe ich einschlief.
Als ich am nächsten Morgen aus der Dusche kam, war meine Kirsche schon wieder total verheult.
„Was ist denn, Schatz?“
Zwar hatte sie zwei Kilo abgenommen, die Jeans würden aber immer noch nicht passen. „Der verdammte Bauch!“
„Ach Süße“, antwortete ich und versuchte meinen Bauch weit herauszustrecken. „Guck dir mal meinen Bauch an!“
Verstohlen blickte sie auf meinen nicht vorhandenen Bauch, der sich nur deshalb leicht wölbte, weil ich wie eine Schwangere mit Hohlkreuz dastand und alle Luft in den Bauch preßte.
„Du hast recht“, meinte sie, „wir sind beide fett geworden! Wir machen FdH und verzichten auf Fett!“
Super! Toll gemacht, Nörgel! Bisher mußtest Du nur auf Bier verzichten und ein bißchen Salat mitmümmeln, konntest aber wenigstens vernünftig frühstücken!
Es war der fünfte Tag und am Abend stellte Irene die Diät um. Keine Eiweißdrinks mehr. Butter, Margarine und Wurst wurden aus dem Kühlschrank verbannt wie Tage zuvor schon mein Bier. Magerquark, Gemüse und fettarmer Käse lagen nun darin und im Küchenschrank lagen ein Vollkornbrot und trockene Knäckebrotscheiben. Das gäbe leckere Frühstücksbrote für die Arbeit, meinte Irene. Ja, dachte ich, die ich prompt in die nächste Mülltonne werfe. Die Kollegen würden sich schlapplachen. Für die bin ich ohnehin der Spargel-Tarzan. Ich würde morgens eine Viertelstunde früher ins Büro gehen müssen, dann könnte ich beim Bäcker zwei Straßen weiter auf die Schnelle frühstücken, nahm ich mir vor.
Der sechste Tag unserer Diät fiel auf das Wochenende. Um nicht ständig über Essen nachdenken zu müssen, schlug ich Irene einen Schwimmbadbesuch vor.
Sie sah mich völlig entgeistert an: „Ins Schwimmbad? Mit den Reiterhosen? Du spinnst wohl!“
Reiterhosen, was für Reiterhosen? Ich hatte an Bikini und Badehose gedacht…
Wir gingen Tennisspielen. Mit 6:1, 6:0 und 6:0 fegte ich sie vom Platz und bedauerte schon beim duschen, daß das Wochenende so lang war. Warum hatte ich Rindvieh sie nicht gewinnen lassen, auch wenn sie mich vorher beschworen hatte, mich ja anzustrengen und ihr keinen Vorteil zu lassen? Wahrscheinlich hatte der Psychologe recht, von dem ich neulich gelesen hatte, daß wir Männer immer gewinnen müssen.
Das hatte ich nun davon. Den Rest des Wochenendes würde ich mit der Katze fressen können. Irene ignorierte mich, als wir die Halle verließen und auch im Wagen blieb sie stumm. Es gelang mir nicht, irgendeine Konversation in Gang zu bringen.
„Was hältst du davon, wenn wir morgen früh ein bißchen im Park joggen?“ fragte ich, als sie nach unserer Ankunft zuhause wortlos ins Bad stapfte, sich ein heißes Bad einließ und auch noch das Telefon auf den Wannenrand legte. Ich ahnte, was nun kam: stundenlange Telefonate mit Tina, ihrer besten Freundin. Irene sah mich giftig an, bedeutete mir wortlos aus dem Bad zu verschwinden und schob mich zur Tür hinaus. Hm, na wenigstens konnte ich in Ruhe Fußball gucken.
Als die Sportschau vorbei war, hockte sie immer noch telefonierend im Badezimmer. Ich hatte etwas gutzumachen und schnappte mir ihr Kochbuch. Cesar’s Salad würde ich doch noch zustande bringen.
Endlich kam sie aus dem Bad, im Bademantel und mit einem Handtuchturban auf dem Kopf.
„Du hast was zu essen gemacht? Das ist lieb, Schatz“, sagte sie und gab mir einen Kuß. „Tut mir leid, daß ich vorhin so zickig war.“
Ich gab mich gönnerhaft, verzieh großmütig und schlug einen Kinobesuch vor. Nach drei Gabeln Salat hatte ich keinen Appetit mehr und auch Irene stocherte mißmutig auf ihrem Teller herum.
„Salat, Salat… immer nur Salat“ äffte sie die Werbung nach. Wir lachten, machten uns schick und gingen ins Kino.
Kino ist keine gute Idee, wenn man hungrig ist. Und erst recht nicht, wenn man abnehmen will. Es roch nach frischem Popcorn, nach Nachos mit Käsesauce und alle liefen mit den riesigen Cola-Pappeimern herum.
Ich weiß nicht, welche Schnulze wir uns eigentlich ansahen, ich dachte eh nur an Schweinshaxe mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Als die beiden Hauptdarsteller sich küßten, es im Film und im Kino bis auf die Sauggeräusche vom Knutschen und den Trinkhalmen in den Pappbechern absolut ruhig war, durchbrach mein knurrender Magen die Stille. Wie peinlich. Alles drehte sich nach mir um und Irene begann ihr leises Lachen, das zu einem Meckern anschwoll.
„Komm“, sagte sie lachend, nahm meine Hand und zerrte mich mit sich hinaus.
„Und nun?“
„Jetzt“, erwiderte sie und wischte immer noch lachend die Tränen weg. „Jetzt gehen wir essen. Ich will mindestens ein 400-Gramm-Steak mit Pommes frites haben. Und wenn auf dem Teller auch nur ein Salatblatt liegt, schreie ich.“
Übrigens hat es meine Kirsche doch noch geschafft, in die alten Klamotten zu passen. Sie ist tatsächlich mit der alten Jeans und dem Blüschen zum Klassentreffen gegangen. Aber ich glaube, das ging nicht mit rechten Dingen zu. Tina und Irene verschwanden zuvor stundenlang im Schlafzimmer. Dort hörte ich sie gackern und die Nähmaschine ratterte. Außerdem sah die Bluse irgendwie anders aus. Sie war länger und weiter als die, die ich in Erinnerung hatte.
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Nörgel gibt dem Kater Futter
Jeder kennt das. Man hat es eilig und will nur schnell eine Kleinigkeit einkaufen, da springen sie - Strauchdieben und Wegelagerern gleich - hinter ihren Warenständen hervor, hinter denen sie doch zuvor stundenlang Miniportionen irgendwelcher Halbfertigprodukte zusammengerührt oder den Stand umdekoriert hatten – die Probenverteiler. ffice ffice" />
„Möchten Sie mal probieren?“ Mit einem hinreißenden Lächeln und einer Micky-Maus-Stimme versuchen aufgebrezelte Mittvierzigerinnen den arglosen Kunden zu überreden, Häppchen mit Marmelade oder Nuß-Nougat-Creme, Käsewürfel und Wurstscheiben zu probieren. Sie drücken einem Pappbecher mit einer undefinierbaren Brühe in die Hand, die braun und kochendheiß, aber völlig geschmacksneutral ist, oder winzige Schälchen mit irgendwelchen Kartoffelpürees und anderen nicht eindeutig zu bestimmenden Breien und schauen einen erwartungsvoll an, daß man mal probieren soll. Und dann das Gelaber über die angeblichen Vorzüge des Produktes, während man sich noch unsicher ist, ob einen die Person vergiften oder nur anbaggern will.
Ich habe immer das Pech, von den Marketingdamen angesprochen zu werden, wenn ich doch gar keine Zeit oder keinen Hunger habe: „Junger Mann, versuchen Sie doch mal meinen köstlichen Schokoladenpudding. Der wird Ihnen schmecken wie bei Oma…“
Meistens schmeckt er wie eingeschlafene Füße, während die Person, die ihn mir andrehen will, mich an meine Oma erinnert. Die hatte auch Falten wie eine Raffgardine und ihr widersprechen durfte man schon gar nicht.
Richtig leid tat mir mal eine junge Frau, die als Sarotti-Mohr verkleidet und mit schwarzer Schminke verunstaltet Schokolade an den Mann und die Frau bringen mußte. Offenbar machte sie den Job auch noch nicht lange. Im Laden müssen mindesten 30° C gewesen sein und die Arme trug die ganze Zeit diesen schweren Turban auf dem Kopf. Dummerweise hatte sie ihren Stand hergerichtet, als gerade die Schule aus war. Sie konnte gar nicht schnell genug auffüllen, schon hatten die Kids wie Termiten alles geplündert und weggefuttert. Mit ihrer Aktion hat sie den Verkauf bestimmt nicht angekurbelt.
Diese Probenverteiler sind schon eigenartig. Wenn ich mal einen Happen vertragen könnte, rühren sie beharrlich in ihren Töpfen oder schnippeln ihre Würfelchen zurecht und ignorieren mich einfach. Selbst ein absichtlicher Rempler mit dem Einkaufswagen und ein gemurmeltes „’tschuldigung“ sind wirkungslos. Man bietet mir einfach nichts an.
Oder der Stand ist stundenlang verwaist, das Produkt aber dekorativ präsentiert. Der Teller, auf dem wohl mal die zurechtgemachten Häppchen lagen, ist nur von dicken Schmeißfliegen bevölkert, die sich über die Krumen hermachen.
Neulich mußte ich dringend eine Glühlampe besorgen und eilte in den Supermarkt. Wie immer mußte es schnell gehen. Kurz vor den Kassen, in der Abteilung für Tierfutter stand ein junger Kerl mit einem lila T-Shirt und dem Whiskas-Logo drauf. Ich sah und hörte ihn schon von weitem.
Immer wieder agierte er mit demselben Spruch: „Haben Sie eine Katze?“
Sonderlich erfolgreich war er nicht. Viele Kunden schauen und hören ja geflissentlich weg, wenn sie so unzüchtig angesprochen werden. Oder sie starren den Typen nur stumm an und laufen dabei gegen den nächsten sorgsam aufgestapelten Konservendosenturm.
Nun ja, auf dem Weg zur Kasse mußte ich an dem Whiskas-Typen vorbei.
„Haben Sie eine Katze?“
„Nee, hin und wieder einen Kater, aber keine Katze“, brummte ich und versuchte ernst zu bleiben.
Der Typ schaute mich nur verwirrt an, der Groschen wollte bei ihm aber nicht fallen. Sekundenlanges Schweigen.
Schließlich meinte er: „Ja, wollen Sie dann vielleicht mal das neue Trockenfutter für Katzen probieren?“
„Ich selber? Nee, danke…“
Er wurde nervös. „Kostet Sie ja nichts…“, er hielt mir ein Probepäckchen hin.
„Hm, da steht ’für Katzen’ drauf, das kann ich doch nicht an Kater verfüttern? Ich hab doch nur manchmal einen Kater.“
Der Groschen fiel noch immer nicht und ich schaute noch immer ganz ernst drein. Schweiß perlte von seiner Stirn. Das Katzenfutter enthielt bestimmt mehr Hirn als der Probenverteiler.
„Äh,… ja…“, stotterte er, „probieren Sie’s doch mal aus!“ Sprach’s und drückte mir das Päckchen in die Hand.
Ich hoffe, ich mache es nicht wirklich, wenn ich mal einen über den Durst getrunken habe. Aber der Kater kommt ja erst am Morgen danach.
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Nörgel und der Besuch von der GEZ
Es war ein später Montagnachmittag. Müde und abgespannt von der Arbeit fuhr ich in die Wohnung meiner Freundin. Dort war es aufgeräumt, im Kühlschrank war etwas zu essen. Nachdem ich mir den Magen vollgeschlagen hatte, machte ich es mir auf dem Sofa bequem. ffice ffice" />
In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Ich ging zur Tür und blicke durch den Spion. Dort stand ein etwa vierzig Jahre alter, gut gekleideter Mann.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet, fing der gute Mann auch schon an: "Guten Tag, mein Name ist Lars Lästig, ich bin Ihr Rundfunkgebührenbeauftragter.“ Blablabla.
GEZ? Gebühreneinzugzentrale? Wirklich ein Vollstrecker von der GEZ? Oh je!
Der GEZ-Scherge fragte mich: "Sind Sie Frau Anja K.?"
Hat der mich wirklich gerade gefragt, ob ich Frau Anja K., das ist meine Freundin, bin? Ich sehe nun wirklich nicht wie eine Frau aus, zudem trug ich einen deutlich sichtbaren Drei-Tage-Bart. Das verschlug selbst mir die Sprache.
Stille machte sich im Hausflur breit. Plötzlich traf mich der Hammer der Erkenntnis: es gibt ein Leben nach dem Gehirntod, der Beweis steht vor mir. Pack den Typen ein und der nächste Nobelpreis ist dir sicher. Ich entschied mich dagegen, denn der gute Mann war sicher nicht stubenrein und ich antwortete ihm stattdessen, daß ich Gina W. sei, die uneheliche Tochter von Frau K.
"Na gut, lassen wir das“, fuhr der GEZ-Mensch fort. „Sie wissen sicher, daß Sie verpflichtet sind ...“ blablabla „... anzumelden."
Ich unterbrach den Redefluß des GEZ-Schergen nur ungern, aber ich teilte ihm mit, daß ich mal auf die Toilette müßte, versprach ihm aber, daß ich gleich wieder da sei und schloß die Tür hinter mir. Nach fünf Minuten gab es die ersten zarten Klingelversuche. Nach weiteren drei Minuten klingelte er Sturm und ich öffnete wieder die Tür.
"Was haben Sie denn solange gemacht?"
Wahrheitsgemäß antwortete ich ihm, daß ich ein lauwarmes Bier getrunken habe. Außerdem mußten mal wieder meine Fußnägel geschnitten werden.
"So eine Frechheit“, schnaubte er, „sowas habe ich ja noch nie erlebt..."
Ich mußte dem guten Mann leider rechtgeben und versprach, meine Freundin noch heute abend darauf anzusprechen, warum sie das Bier nicht in den Kühlschrank gestellt hatte. Wirklich eine Frechheit.
Nun lief dieser geistige Tiefflieger rot an und rastete aus: "Wenn Sie weiter so ein Kaspertheater veranstalten, kann ich auch andere Saiten aufziehen. Ein Anruf von mir und die Polizei durchsucht ihre Wohnung...“ Blablabla. „...das wird sehr teuer für Sie…“
Logisch, mit Bundesgrenzschutz und Sondereinsatzkommando.
Sichtbar eingeschüchtert versprach ich nun, effektiv mitzuarbeiten und mein Kaspertheater bleiben zu lassen.
Etwas friedlicher gestimmt fragte der GEZ-Typ: "Besitzen sie einen Fernseher oder ein Radio?"
Freundlich gab ich dem Mann Auskunft. "Ja klar, ich besitze zwei Fernseher, drei Radios, noch ein Radio in meinem Büro und zwei in meinen Autos."
"Haben Sie diese angemeldet?"
"Nein, bisher leider nicht."
"Wie lange besitzen sie diese Geräte schon?"
"Circa zehn bis zwölf Jahre."
Ui, jetzt war er aber am Sabbern, als er seine Provision in Gedanken überschlug. Nun ja, um es kurz zu machen, er hielt mir nach ein, zwei Minuten zwei Zettel zur Unterschrift unter die Nase. Eine Anmeldung der GEZ und einen Schrieb, daß ich schon seit fünf Jahren die Geräte besitze. Beides auf den Namen und die Adresse meiner Freundin ausgestellt.
Freundlich wie ich nun einmal bin, teilte ich ihm mit, daß ich weder Frau Anja K. bin, noch hier wohne.
"Wo wohnen Sie denn?" wollte der GEZ-Scherge nun von mir wissen.
Ich erwiderte: "Ach, das wissen Sie nicht?"
"Nein."
"Super“, entgegnete ich, „na, dann noch einen schönen guten Abend."
Ich schloß die Tür, schaltete die Klingel ab und den Fernseher ein. Das Bier war auch schon etwas kühler.
Wenn ich Glück habe, kommen vielleicht auch bald mal wieder die Zeugen Jehovas vorbei.
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Nörgels Pech
Bei Nörgel ist der Teufel los. Seit Wochen denke ich, daß ich mich unbedingt mal richtig ausschlafen muß. Immer Streß, immer viel zu tun. Und das nicht nur im Büro, auch im Privatleben geht es rund. Hier ein Familientreffen, da ein runder Geburtstag, bei Oma mußte renoviert werden, Mutter brauchte auch Hilfe. Ich bin urlaubsreif und sehne mich nach dem Wochenende und viel Ruhe, bevor ich schlappmache. Und dann das:ffice ffice" />
Ich wache morgens auf, ohne daß der Wecker geklingelt hat, meine Freundin ist schon zur Arbeit, denn das Bett neben mir ist leer. Ich schau auf die Uhr und in den Adern fließt Adrenalin pur. Ich hätte vor einer Stunde aufstehen müssen! OK, OK, alles halb so schlimm, ich hab ja Gleitzeit und muß nicht um acht anfangen, das schaffe ich sowieso nicht mehr. Setz erst mal einen Kaffee auf, denke ich. Daraus wird aber nichts, die paar Krümel in der Kaffeedose reichen nicht mal für eine halbe Tasse. Die Laune ist auf dem Nullpunkt.
Ich will in der Firma Bescheid sagen, daß ich später komme. Aber im Büro geht keiner ran. Die lieben Kollegen trinken wohl gerade Kaffee und halten ein Schwätzchen in der Kantine. Ich rufe meinen Chef an. Der geht aber auch nicht ans Telefon. Ich bin mit ihm per du und habe seine Handynummer. Nach langem Klingeln geht er endlich ran und hört sich eigenartig an, er scheint auch einen schlechten Morgen zu haben.
„Bist du übergeschnappt“, faucht er mich an, als ich ihm mein späteres Erscheinen ankündige. „Mensch, für solche Scherze habe ich zu dieser Uhrzeit kein Verständnis, du Depp!“
Oha, der hat ja ’ne Laune. Späterkommen hat der Chef gar nicht gern, längerbleiben schon eher. Nun aber los.
Rasieren kann ausfallen, aber duschen muß sein. Ich lasse es ein paar Sekunden laufen, ehe ich mich unter den warmen Wasserstrahl stelle. Ich seife mich ein, prompt flutscht mir das Duschgel aus der Hand und fällt polternd in die Duschtasse. Ich hebe die Flasche auf und beim Aufrichten knalle ich mit dem Kopf an das dämliche Ablageregal, das ich schon immer völlig unpraktisch fand, das ich aber meiner Freundin zuliebe doch an der Stelle montiert habe, wo sie es unbedingt haben wollte. Am Hinterkopf pocht es, aber es blutet nicht. Das wird eine schöne Beule geben. Ich drehe das Wasser wieder auf und will mir den Seifenschaum abspülen, das Wasser plattert wohligwarm auf der Haut und ich glaube, es könnte doch noch ein guter Tag werden. Plötzlich wird das Wasser eiskalt, fluchend drehe ich an der Armatur, aber erst nach endlosen Sekunden wird das Wasser wärmer. Umso schneller wird es plötzlich heiß. So heiß, daß ich zur Seite springen muß, um mich nicht zu verbrühen. Natürlich rutsche ich auch noch aus und falle auf den Steiß.
Ich rappele mich irgendwie wieder auf, das heiße Wasser läuft nämlich noch immer, und fühle mich uralt. Hoffentlich ist der Steiß nicht geprellt. Kann man sich den eigentlich brechen? Ich lasse das Wasser kühler laufen und dusche zuende. Die schlechte Laune nimmt zu.
Beim Zähneputzen merke ich plötzlich, wie sich die Borsten von der Zahnbürste lösen und sich in meinem Mund sammeln. Sie fühlen sich an wie Fischgräten und ich muß würgen. Ich spucke aus und kleine Zahnpastaspritzer verteilen sich auf den blauen Fliesen am Waschbecken. Na toll, zum wegputzen bleibt keine Zeit, meine Freundin wird es eh sehen und sich freuen.
Ich springe in die Klamotten – soweit man das Springen nennen kann, bei der Steißprellung – und in die Schuhe, schnappe die Brieftasche und den Autoschlüssel und verlasse die Wohnung. Während ich im Hausflur die Taschen nach dem Wohnungsschlüssel absuche, zieht es wie Hechtsuppe und mir fällt ein, daß in einem Zimmer ein Fenster in Kippstellung steht. Bevor ich einen Fuß in den offenen Türspalt stellen kann, fällt die Tür auch schon mit einem lauten Knall ins Schloß.
Wie soll der Tag bloß enden, frage ich mich und gehe nach draußen. Auf dem Weg zum Auto läuft mir auch noch eine schwarze Katze beinahe über die Füße, soll ja Pech bringen. Ach, noch mehr Pech? Die schlechte Laune ist so übel, daß mir schon beinahe alles egal ist. Ich muß ins Büro, bevor der Chef Amok läuft.
Endlich und mit Schmerzen sitze ich im Auto und überlege, ob ich nicht besser zum Arzt fahren soll. Amok laufen könnte auch ich, als ich ins Büro fahre. Es scheinen nur Idioten mit ihrer Familie unterwegs zu sein, die staunend nach rechts und links zeigen und mit den anderen Insassen plaudern, während sie mit 30 km/h-Durchschnittsgeschwindigkeit über die Bundesstraße zuckeln. Überholen kannst du auch nicht, weil eine Wohnmobilkolonne auf der Gegenfahrbahn eine Schlange PKW’s hinter sich herzieht.
Hat sich heute alles gegen mich verschworen?
An einer Ampel – die stehen heute natürlich auch alle auf rot – muß ich halten, da klingelt das Handy. Meine Kirsche ist dran.
„Guten Morgen, Liebling! Ich komme gerade vom Joggen und du bist nicht da. Das find ich ja toll, daß du Brötchen holst“, flötet sie. „Bring noch Kaffee vom Bäcker mit, unserer ist alle.“
Boah, so eine gute Laune ist manchmal unerträglich, denke ich und bin froh, daß ich gleich im Büro sitze. Die Ampel schaltet auf grün und ich fahre weiter.
Daß der Kaffee alle ist, habe ich gemerkt. Brötchen, wieso Brötchen? Doch ehe ich sie fragen kann, fährt sie fort: „Wolltest du heute nicht ausschlafen? Am Feiertag?“
Ich gehe voll in die Eisen. Die Reifen quietschen und während ein Autofahrer mir den Vogel zeigend und laut hupend vorbeifährt, parkt ein anderer seinen Smart krachend in meinem Kofferraum.
Wenn man mal schlafen könnte…
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Hau den Lukas
Am Samstag beschlossen meine Freundin und ich, endlich in die Stadt zu fahren, um Weihnachtsgeschenke für die Familie zu besorgen. Meine Kirsche Irene und ich werden den heiligen Abend bei uns zu Hause feiern. Ihre Oma, die Eltern und Geschwister werden zu uns kommen, meine Mutter und mein Bruder mit seiner Familie auch. Mir ist jetzt schon ganz komisch bei dem Gedanken. ffice ffice" />
Wir brauchten für alle Geschenke, meine Kirsche und ich einigten uns so, daß sie für ihre Familie einkauft und ich für meine. Ich hatte natürlich wie immer nicht den blassesten Schimmer einer Idee, was ich meiner Familie schenken soll. Irene hatte da schon konkrete Vorstellungen. Eine Kiste guten Weins für den Herrn Papa, die bereits in unserem Keller steht, etwas Schickes zum Anziehen für die Frau Mama, ein PC-Spiel und CD’s für Bruder und Schwester und für die Oma ein Parfum.
Gegen zehn Uhr morgens fuhren wir in die Stadt. Mir war klar, daß das viel zu spät war. Die halbe Stadt war auf den Beinen und ein Parkplatz nach dem anderen wurde uns vor der Nase weggeschnappt. An Irenes vorgeschobener Unterlippe merkte ich schon, daß ihre gute Laune verschwand. Nach einer Viertelstunde des Wartens vor der Parkhauseinfahrt konnte ich endlich ein Ticket ziehen und das Auto abstellen.
Zuerst gingen wir zum Elektronik-Fachmarkt. In nur fünf Minuten hatte meine Freundin ihre Einkäufe getätigt, dabei mehrere Kunden geschickt umwandert, ohne sie anzurempeln – was mir beim Versuch ihr zu folgen, nicht gelang. Sie schaute mich mißbilligend an: „Wann willst Du eigentlich die Geschenke für Deine Leute kaufen, Lukas?“
Am liebsten heute, wenn ich nur wüßte, was. OK, ein PC-Spiel für meinen Bruder könnte etwas passendes sein, einen Computer hat er ja. Kurzentschlossen kaufte ich ein Strategiespiel, über das ich mich - ehrlich gesagt - auch freuen würde.
„Schatz, wohin geht’s jetzt?“ frage ich vor der Tür.
Zielsicher zeigt sie auf die Parfümerie schräg gegenüber. Aha, das Parfum für die Oma wird jetzt ausgesucht. Das wäre auch ein Geschenk für meine Mutter. Der Laden ist so voll, daß Irene nicht wie eben geschickt um die Leute herum laufen kann. Sie lächelt freundlich und flötet immer wieder „Entschuldigung…, Entschuldigen Sie, darf ich mal…“ Ich trotte ihr brav hinterher, ich brauche schließlich ihren Rat, habe ich doch keine Ahnung, nach was meine Mutter duften soll. Meine Freundin nimmt ein Fläschchen nach dem anderen aus dem Regal und sprüht mal am linken Handgelenk, dann am rechten, dann auf dem Handrücken. Es riecht nicht wirklich angenehm.
Irene bemerkt es auch: „Hm, jetzt vermischen sich die Düfte bei mir. Lukas, gib mal Deine Hand…“
Ich schaue sie entsetzt an, „das ist doch nicht Dein Ernst!“
Und ob. Ich versuche noch, sie darauf aufmerksam zu machen, daß hier Papierstreifen zum besprühen ausliegen – zu spät. Ehe ich mich versehen kann, habe ich ein brennendes Duftwässerchen auf der Hand, dessen süßlicher Geruch mir Atem und Sprache verschlägt.
„Quark, Lukas!“ erwidert Irene bestimmt, „das muß man auf der Haut riechen!“
Aber Männerhaut ist doch anders als die weibliche. Benutzt sie am Ende auch mein Aftershave? Endlich hat Irene das richtige Parfüm für ihre Oma gefunden. Ich nehme noch eine bonbonfarbene Packung aus dem Regal für meine Mutter.
Irene sieht mich entgeistert an. „Du willst das doch nicht etwa Deiner Mutter schenken?“ und als ich nicke: „Meine Oma ist siebzig, Deine Mutter Mitte fünfzig! Das kannst du nicht nehmen.“
Sie geht wieder zurück und schnappt ein anderes Fläschchen. Oh nein, nicht schon wieder sprühen! Aber sie öffnet nur die Flasche und läßt mich daran schnuppern.
„Das paßt zu Deiner Mutter, Lukas“, sagt sie zufrieden.
Sie ist die Expertin. Zwei Geschenke habe ich nun. Es fehlen noch die für meine Schwägerin und die beiden Jungs. Der Kleine ist gerade fünf Wochen, der Große drei Jahre alt. Drei Geschenke, drei Sorgen. Meine Kirsche gibt mir die Päckchen und Taschen und eilt durch die Fußgängerzone. Ich hinterher, was nicht so einfach ist, weil sie genau in die Richtung läuft, aus der alle anderen zu kommen scheinen. Ein Rempler nach dem anderen und meine Freundin ist plötzlich verschwunden. Schade, daß sie so klein ist, ich hätte ihr ein neonfarbenes Fähnchen oder einen Luftballon kaufen sollen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
„Lukas“, tönt es plötzlich hinter mir. „Was rennst Du denn so?“
Mit meinen ein Meter dreiundneunzig hat sie mich schneller entdeckt, als ich ihre eins fünfundsechzig. Davon abgesehen, daß es viel zu warm ist, ich ein solches Gedränge hasse und einen riesigen Durst habe, habe ich auch die Schnauze gestrichen voll von den Weihnachtseinkäufen.
Wir kommen an einer Buchhandlung vorbei und ich habe eine Idee, was ich meiner Schwägerin schenken könnte: „Stopp, Schatz! Hier muß ich rein.“
Ich werde beinahe wahnsinnig nach zwei Minuten Aufenthalt darinnen. Es ist voll, heiß und weit und breit keine Buchhändlerin zu sehen. Da entdecke ich den Tisch mit den Liebesschmökern. Diese dicken, knallbunten Wälzer mit den seichten romantischen Schnulzen könnten genau das richtige für meine Schwägerin sein. Ich suche den aus, dessen Titelbild mir am besten gefällt und will zur Kasse. Nun ist Irene verschwunden. Ich zahle und lasse mich neben der Kasse in einen Sessel plumpsen. Wir sind erst zwei Stunden unterwegs, mir kommt es wie zehn vor. Eine freundliche Buchhändlerin mit dicker Brille bietet mir einen Kaffee an, den ich dankend annehme. Ohne würde ich wahrscheinlich gleich einschlafen. Aber wo zum Henker ist Irene?
Nach einer Viertelstunde tönt eine männliche Stimme aus einem knarzenden Lautsprecher: „Der kleine Lukas wird von seiner Mutter gesucht. Lukas, komm bitte zur Rutsche im ersten Obergeschoß. Lukas trägt eine Jeans und einen blauen Anorak…“
Ich schaue an mir herunter, Jeans und blauer Anorak. Wie peinlich, Irene wird doch nicht…
Der Lautsprecher knarzt wieder und ich höre die nicht so lieblich wie sonst klingende Stimme meiner Kirsche: „Lukas, ich bin’s. Beweg Deinen Arsch ins erste Obergeschoß, ich bin bei den Kalendern!“
Um mich herum feixt alles, als ich mich ins Obergeschoß begebe. Das hat Irene mal wieder fein hingekriegt.
„Schatzi“, säuselt sie, „wir haben noch keinen Kalender…“
„Dein Kalender ist mir scheißegal“, knurre ich. „Warum machst Du mich lächerlich?“
Sie zuckt nur die Achseln: „Wenn es Dir egal ist, dann nehme ich den Kalender mit Brad Pitt. Oder doch lieber Mel Gibson…“
Ich seufze und sage besser nicht, daß ich den mit den nackten Weibern nehmen würde. Irene entscheidet sich nach weiteren zwanzig Minuten schließlich doch für den Irland-Kalender im DIN-A2-Format. Ich wette, wir machen nächstes Jahr Urlaub in Irland.
„Schatzi“, flötet sie, als wir den Laden verlassen, „jetzt geht’s zum Kaufhaus. Für Mama will ich eine schicke Bluse kaufen und für Deine Neffen kannst Du dort beim Spielzeug schauen.“
Manchmal hat sie doch ganz gute Ideen. Aber ich habe Durst und Hunger kriege ich auch langsam. Bratwurstduft steigt mir in die Nase, das Kaufhaus befindet sich direkt am Weihnachtsmarkt. Wir beschließen, uns in einer halben Stunde in der Damen-Oberbekeidung zu treffen. Ich eile mit den Taschen und Paketen zur Spielzeugabteilung und Irene geht schon mal eine Bluse aussuchen. Ich bin sicher, daß sie in einer Stunde immer noch aussucht.
Beim Spielzeug treffe ich meinen Kollegen Magnus, der auch etwas für seinen dreijährigen Sohn kaufen will. Gemeinsam entscheiden wir uns für einen Baukasten aus Holz, mit hölzernen Schrauben und Holzwerkzeug. Und für den Kleinen nehme ich eine Spieluhr. Ich bin überglücklich, ich habe alle Geschenke beisammen. Es fehlt nur noch das für meine Kirsche, aber das kaufe ich ein andermal.
Da ich mich erst in einer Viertelstunde mit Irene treffe, entscheiden Magnus und ich uns zu einem kurzen Abstecher zum Weihnachtsmarkt. Mein Magen knurrt und verzehrt sich nach einer Bratwurst. Die soll natürlich nicht trocken heruntergewürgt werden und so trinke ich ein Bier dazu, während Magnus uns zwei Glühwein holt. Wir reden und reden und plötzlich stehen zehn leere Glühweinbecher vor uns.
Und kurz darauf Magnus’ Ehefrau, mit verkniffenem Mund und in die Hüften gestemmten Armen, an denen zwei Einkaufstaschen baumeln: „Magnus!“
„Jaaa, Schatz, was gib’s ’n“, holla, was ist mit seiner Zunge los? Das reden fällt ihm etwas schwer.
Oha, da ist Gefahr im Verzug und ich sollte besser mal ins Kaufhaus zurück, nach meiner Kirsche sehen. Hat mein Schatz doch was gefunden? Ich nicke Magnus zu, dessen Angetraute ihm eine Gardinenpredigt hält und schaue auf meine Uhr. Verdammt, ich war drei Stunden mit Magnus Glühweintrinken! Meine Kirsche wird mich zusammenfalten, denke ich und eile ins Kaufhaus.
Kaum habe ich die Pendeltür des Kaufhauses passiert, haut mich der tropisch-heiße Luftstrom beinahe um. In der Damen-Oberbekleidung finde ich meine Kirsche mit einem halben Dutzend Blusen auf Bügeln um die Kleidungsständer herumwuseln. Ich drücke ihr einen Kuß auf die Wange. Das hätte ich besser gelassen. An die Punschfahne hatte ich nicht gedacht.
„Glühwein? In der kurzen Zeit? Hast Du die Geschenke für die Kinder bekommen?“ Meine Kirsche läßt bei ihrer Rede keinen Blick von den Bügeln mit Blusen, die sie an einem Ständer von rechts nach links schiebt.
Ich nicke, „alles erledigt, Schatz!“
Beladen wie ein Esel mit den vielen Taschen und Paketen lasse ich mich in einen Sessel fallen, der ein paar Meter entfernt steht. Der Glühwein und die Wärme hier drin fordern ihren Tribut. Und nachdem ein paarmal eine Stimme von der Decke „23 an 48, 23 an 48“ ruft und „Ferngespräch für 12 auf 4“ ertönt plötzlich ein Gong. Eine nettere Stimme säuselt: „Liebe Kunden, in wenigen Minuten schließen wir unser Kaufhaus. Bitte treffen Sie Ihre Wahl und zahlen Sie an den Kassen. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend und einen schönen zweiten Advent. Auf Wiedersehen bis zum nächstenmal!“
„Schatz“, drängle ich, „wir müssen gehen, die machen gleich zu. Nimm doch die weiße hier, die gefällt Deiner Mutter bestimmt!“ Ein nettes Etwas, vielleicht ein bißchen zu gewagt für Irenes Mutter.
Meine Kirsche schaut mich entsetzt an: „Du hast keine Ahnung, Lukas. Die ist nicht für Mama, die ist für mich!“
„Wolltest Du nicht…Deiner Mutter…“, stammle ich.
Meine Kirsche würgt alle Blusen, die sie auf dem Arm hatte, in den Ständer und stürmt kopfschüttelnd an mir vorbei zur Rolltreppe nach unten.
„Mit Dir kann man nicht einkaufen gehen! Du bist unmöglich! Erst kommst Du nicht zu Potte und dann hetzt Du mich.“
Natürlich ich. Immer bin ich schuld, denke ich und trotte mit den Taschen und Paketen hinterher.
Der Abend wurde nicht lustig, weil meine Kirsche nun noch kein Geschenk für ihre Mutter hat.
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Von Raubrittern und Nörgels Rache
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Heutzutage kann man nicht einmal mehr ungestört einkaufen, geschweige denn unbehelligt mit seinem Einkaufswagen Einzug in den Warentempel halten. Vor ein paar Tagen geschah folgendes, als ich meine Lebensmittelvorräte auffüllen wollte.
Noch vor dem Drehkreuz am Eingang baute sich eine Hürde vor mir auf, in Gestalt einer langen, dürren Mitzwanzigerin, die hinter einem kleinen Informationsstand hervorsprang, wo ein etwa gleichaltriger junger Kerl gelangweilt gähnte. Sie schaute mich mit energischem Blick an und hinderte mich mit meinem Einkaufswagen am Weitergehen.
Bevor ich ärgerlich reagieren konnte, wurde ihr Blick freundlich und sie fragte: „Wissen Sie, daß man mit 50 Cent am Tag einem Kind den Aufenthalt im Krankenhaus angenehmer gestalten kann?“
Nein, das wußte ich nicht. Aber bevor ich fragen kann, weshalb die Eltern und Großeltern nicht den Kasper für das Kind machen, fragt dieser Hungerhaken weiter. Ob ich mir denn vorstellen könnte, für einen solchen Zweck auch etwas zu spenden.
Aha, daher weht der Wind. Nun, vorstellen kann ich mir vieles. Jeden Abend stelle ich mir den Notar vor, der mir die Nachricht vom Ableben meines bislang unbekannten stinkreichen Onkels aus Amerika überbringt, welcher mich als Universalerbe eingesetzt hat. Danach stelle ich mir die Lottofee vor, die eines Tages an meiner Tür klingelt, um mir mitzuteilen, daß ich als einziger den Lotto-Jackpot geknackt habe und der Gewinn so hoch sei, daß der ins Guinnessbuch der Rekorde eingetragen werde. Im Bewußtsein meiner Vorstellungskraft antworte ich mit einem „Ja“, nichtsahnend, was ich damit herauf beschwöre.
Das lange Elend mit den strähnigen Haaren atmet tief ein und legt erneut los. Die Hagere erzählt mir von ihrem Verein „Kranken Knirpsen helfen“ oder so ähnlich und was die Mitglieder da so treiben; mit einer Intensität und ohne Luft zu schöpfen, daß mir schon angst und bange wird, sie könne zusammenbrechen und mir vornüber in meinen Einkaufswagen fallen. Sie redet und redet, während der Kerl hinter dem Tisch einzuschlafen droht. Sie erzählt, daß man mit den Spendengeldern Spielzeug und Bücher für die kranken Kinder kauft und hin und wieder einen Clown engagiert, der die armen Würmchen aufheitert. Sie sagt tatsächlich „arme Würmchen“. Als ich das höre, mustere ich sie noch einmal von oben bis unten und bin mir nun endgültig sicher, sie ist magersüchtig.
„Dazu benötigen wir natürlich immer Spenden. Sie glauben gar nicht, wie viele Kinder im Krankenhaus liegen und Trost brauchen“, fährt sie fort. „Wären Sie so nett, uns Ihren Namen und die Anschrift zu nennen?“
Hm, im Bruchteil einer Sekunde überdenke ich noch einmal den Monolog der Bohnenstange. Ich grüble und bin mir sicher, noch nie zuvor von dem Verein gehört zu haben. Also entscheide ich ganz spontan, zur Abwechslung mal nicht meine Daten zu nennen, sondern die meines Nachbarn, der mir genauso auf die Nerven fällt, wie das abgemagerte Neutrum vor mir. Nachbar Koslowski ist so ein Hobby-Bastler in Frührente, der für sein Leben gern zwischen sechs Uhr morgens und elf Uhr abends rumwerkelt, bohrt und hämmert. Wahrscheinlich rüstet der seine Wohnung zum Atombunker um.
Ich bin gespannt, was sie mit den Daten anfangen will. Doch ich komme nicht dazu, sie danach zu fragen. Sie möchte noch ein paar Daten wissen: „Ich benötige noch Ihre Bankverbindung. Die Kontonummer lautet…“
Ich stutze, jetzt legt sie aber ein Tempo vor! Egal, ganz entspannt nenne ich ihr eine siebenstellige Zahl, die mir spontan in den Sinn kommt, und gleich danach noch die reale Bankleitzahl meines kontoführenden Institutes, sowie dessen Namen.
Betont lässig frage ich, was sie damit will, als sie mir das Formular vorlegt, das ich unterschreiben soll.
Sie sieht mich an, als hätte ich nach ihrer Körbchengröße gefragt. Der Kerl neben ihr richtet sich auf und reißt beim Gähnen das Maul soweit auf, daß ich ihm dringend einen Zahnarztbesuch anraten möchte. Aber ich halte mich zurück.
„Na, für die Abbuchung!“ antwortet sie mit hochgezogener Augenbraue.
„Aha“, erwidere ich lächelnd. „Hatten wir denn darüber gesprochen?“
„Sie sagten doch, Herr…“, der Name ist ihr entfallen und sie sieht auf dem Formular nach. „Herr Kos-lowski, Sie sagten doch, Sie könnten sich vorstellen, für unseren guten Zweck etwas zu spenden.“
„Richtig“, sage ich. Wie gesagt, ich könnte es mir vorstellen.
Mit einem befriedigt gemurmelten „na also“ legt sie mir das Formular wieder vor. Ich schiebe es von mir weg und sage: „Eine Kleinigkeit noch, wieviel gedenken Sie oder Ihr Verein von meinem Konto abzubuchen?“
„Ich sagte vorhin bereits, 50 Cent pro Tag unterstützen unsere Sache ungemein.“ Hinter ihrer gerunzelten Stirn denkt sie wahrscheinlich, der Depp hat nicht richtig zugehört.
„Aha. Buchen Sie jetzt bis an mein Lebensende täglich 50 Cent ab oder wie?“
„Natürlich nicht, Herr Koslowski! Sie können entscheiden, ob monatlich 15 Euro oder einmal jährlich 180 Euro.“
Oh lala, die gehen aber ran.
„Soso. Wissen Sie was, bevor ich mich festlege, würde ich gern mal Ihren Spendenausweis sehen“, erwidere ich und zeige ein strahlendes Zahnpastalächeln.
Anscheinend habe ich unmögliches verlangt. Zum ersten Mal verliert sie ihre Souveränität und wird ziemlich nervös. Ihr Kollege wird regelrecht hektisch und packt die Formulare vom Tisch in eine Aldi-Tüte.
„Ähm, Spendenausweis?“
„Ja, den würde ich gern mal sehen“, ich lächle ganz gelassen. „Und da Ihr Verein ja so gemeinnützig ist, hat er doch sicher auch das Spendensiegel. Steht das hier irgendwo drauf?“ Ich mustere das Formular ganz genau.
„Spendenausweis…, haben wir jetzt nicht dabei…“, sagt sie und knetet ihre Fingerkuppen.
„So’n Pech aber auch“, antworte ich gedehnt. „Tja, dann entscheide ich jetzt gar nichts. Dürfen Sie dann hier stehen und anderer Leute Zeit stehlen?“
„Aber…, das ist doch für einen guten Zweck…“, stammelt sie und schaut hilfesuchend zu ihrem Kollegen, der ihr aber keine Hilfe ist und nur von ihr zu mir guckt und wieder zurück.
„Hm, schicken Sie mir mal Ihre Vereinsunterlagen, dann sehen wir weiter“, schlage ich vor, verabschiede mich und lenke den Einkaufswagen an den beiden Figuren vorbei in den Markt.
Gestern traf ich meinen nervigen Nachbarn seine Post lesend am Briefkasten. Das Logo auf dem Umschlag kam mir sehr bekannt vor. Der dubiose Verein hatte wohl meine angeforderten Unterlagen geschickt.
„Na, wieder Rechnungen, Herr Nachbar?“ frage ich, ausnahmsweise in der Hoffnung, daß er wie sonst auch gesprächig ist. Mich interessiert, was die schrieben.
Er springt tatsächlich an: „So eine Unverschämtheit! Die bitten um Überprüfung meiner Bankverbindung, weil sie nicht abbuchen konnten. Ich kenn die nicht und das ist auch gar nicht mein Konto! Wie kommen die nur auf mich?“
Ich täusche Betroffenheit vor und verschwinde grinsend in meiner Wohnung. Fünf Minuten später übertönt seine Bohrmaschine meine CD von den Bates. Nicht mal in Ruhe Zeitung lesen kann man! Aber während ich die Stereoanlage auf volle Lautstärke drehe, habe ich eine neue Idee, meinen Nachbarn zu ärgern.
In der Annonce habe ich sofort ein kostenloses Inserat aufgegeben:
Neuwertiges Notebook von DELL zu verschenken.
Dazu ein paar technische Details und dahinter steht Koslowskis Rufnummer. In ein paar Tagen steht Nachbars Telefon nicht mehr still.
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