Teil 1 - Der Senfbecher an der Decke
In Kürze begehen wir den 15. Jahrestag der Deutschen Einheit. 15 Jahre ist das schon wieder her? Ja und manchmal ist es, als hätte man sich erst gestern noch in die Schlange vorm Konsum eingereiht, ohne zu wissen, was es vorne eigentlich besonderes gibt!
In loser Folge werde ich hier mal ein paar Geschichten zum besten geben, die ich in der DDR erlebt habe - schließlich habe ich die meiste Zeit meines Lebens da verbracht. Ich will damit nichts verherrlichen, noch will ich Dramatisches und Irrsinniges herunterspielen, was mancher im Arbeiter-und-Bauern-Staat erlebt hat. Es sind schlichtweg meine subjektiven Erlebnisse und ich hoffe, daß mein Erinnerungsvermögen sie nicht ausschmückt.
Los geht's mit der Geschichte vom Senfbecher an der Decke.

Das ist ein Senfbecher der Altenburger Senffabrik. Bis auf den Deckel, der früher mal aus dünnerem Plastik (Plaste, wie der Ossi sagt) bestand und eine geprägte Aufschrift trug, hat er sich nicht viel verändert. Er hat nach der Wende ein Etikett bekommen. Der Inhalt ist noch so wie zu DDR-Zeiten - wenigstens, was den Geschmack angeht - und ich glaube, man muß jetzt auch mehr berappen, als 0,37 Mark der DDR.
1989 bekam ein Becher dieser Art für mich eine besondere Bedeutung. Da erhielt ich nämlich nach zweieinhalb Jahren Wartezeit meine erste eigene Wohnung zugewiesen und da es sich um eine sogenannte "Instandsetzungswohnung" handelte, dauerte es lange, bis ich endlich einziehen konnte.
Aber ich hatte bis auf die "Aussteuer" nicht viel. Ein paar Möbel aus dem Second-Hand-Laden, der in der DDR A&V (An- und Verkauf) hieß, ein paar Sachen von den Eltern und von Kollegen... Schließlich fehlte mir noch eine Lampe für das Schlafzimmer, und das war ein ernstes Problem.
Es gab nichts Gescheites. Nicht mal was, das mir zu teuer gewesen wäre, wie es heutzutage ist. Bis ich in einem privaten Geschäft für Haus- und Hofbedarf einen Lampenschirm entdeckte, den ich kurzerhand für wenig Geld erstand.
Mein Vater hatte schon einiges selbst gebaut und gebastelt, was es nicht zu kaufen gab und ich war sicher, er würde das schon hinkriegen. Ein Kabel mit Fassung, Lüsterklemme u.ä. konnte er auch problemlos am Lampenschirm befestigen. Allerdings sollte ja nicht zu sehen sein, wie die Lampe an der Decke befestigt ist und die Lüsterklemme sollte verschwinden. Normale Lampen haben da eine Dose, wo man das überschüssige Kabel, den Haken und die Lüsterklemme verstauen kann.
Da hatte ich aber das nächste Problem: so eine Dose gab es nicht zu kaufen, nicht mal in schwarz oder einer anderen unpassenden Farbe.
Tja, der DDR-Bürger war aber findig (Not macht erfinderisch - unser Leitspruch). Und so kamen wir auf die Idee, in den Boden eines Senfbechers ein Loch zu schmoren, die Ränder fein säuberlich zu schmirgeln, so daß ein sauberes, rundes Loch entstand, und das Lampenkabel da hindurchzuziehen.
Unser Pech war aber, daß es just dann, als wir einen weißen Becher brauchten, nur durchsichtige gab. Jeden, den ich traf, Familie, Freunde, Bekannte und die Kollegen, sprach ich darauf an, ob nicht jemand einen weißen Senfbecher zu Hause hätte. Und siehe da, aus meinem "Arbeitskollektiv" kam die Rettung, meine Kollegin P. konnte mir einen weißen Senfbecher besorgen.
So kam der Senfbecher an die Decke. Wenige Wochen, nachdem das Ding von der Decke hing, hatten wir die D-Mark. Da wollte ich aber keine andere Lampe mehr haben. Und jedesmal, wenn ich Altenburger Senf kaufe (den muß ich jedesmal bunkern, wenn ich nach Hause fahre, weil Freunde den auch toll finden), denke ich an die selbstgebastelte Lampe und muß schmunzeln.